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18.01.2018, 18:30 Uhr
Digitalisierung in der Landwirtschaft als Chance
Plenarrede
In mehreren Debatten befasste sich der Deutsche Bundestag zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin mit den Themen Ernährung und Landwirtschaft. Dabei spielte auch das Thema Landwirtschaft 4.0 eine besondere Rolle.



Hans-Georg von der Marwitz (CDU/CSU):

Vielen Dank, liebe Frau Präsidentin. – Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Was du heute erdenkst und nicht verwerten kannst, mag morgen den Erdball aus den Angeln heben.

Dieser Satz von Max Eyth passt gut zu der derzeitigen Entwicklung auf allen privaten und wirtschaftlichen Ebenen und besonders zur Digitalisierung in der Landwirtschaft. Max Eyth – Maschinenbauer, Landwirt und Künstler – gehörte zu den Revolutionären seiner Zeit, der die Mechanisierung und Rationalisierung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert vorantrieb. Mit dem Einsatz von Dampfmaschinen wurde Bodenbearbeitung im großen Stil möglich. Einsparungen von Zugtieren und Arbeitskräften waren die Folge. Die Mechanisierung und die Industrialisierung eroberten die Landwirtschaft.

Mit der Gründung der DLG hat Max Eyth diese Entwicklung maßgeblich beeinfusst. Die DLG gehört heute noch zu den führenden Kräften in der Landwirtschaft. Mit seinen Überlegungen war er seiner Zeit weit voraus. Es brauchte noch Jahrzehnte, bis die Landtechnik in allen Urproduktionsverfahren Einzug hielt. Ich gehöre noch zu der Generation, die im ersten Lehrjahr das Handmelken nach der Allgäuer Melkmethode sowie das Mähen mit der Sense erlernt hat.

(Friedrich Ostendorf [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich auch!)

Heute hat die landwirtschaftliche Urproduktion nur noch wenige Handarbeiten zu bieten. Im Milchviehstall übernimmt der Roboter das Melken, und die Fütterung von Schweinen und Geflügel wird schon seit geraumer Zeit computergesteuert. GPS-gesteuerte Traktoren und Mähdrescher gehören längst zum Alltag im Ackerbau.

Meine Damen und Herren, wir stehen mitten in einem Transformationsprozess, der weitere Veränderungen mit sich bringen wird. Das klassische Bild eines Bauernhofes in den Verbraucherköpfen ist längst schon ein Anachronismus. Idealisten und Museumsdörfer werden diese vielbeschriebene und gleichzeitig glorifzierte Bauernhofidylle am Leben erhalten. Wer, wie ich, von klein auf das bäuerliche Leben vor Augen hat, der weiß es besser. Was an 365 Tagen im Kuh- oder Schweinestall romantisch oder gar idyllisch gewesen sein soll, hat sich mir jedenfalls nie erschlossen. So sehe ich in der fortschreitenden Digitalisierung in erster Linie eine Arbeitserleichterung für die Landwirte.

Natürlich, wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Beruf des Landwirts wird beliebiger. Wo einst der Fuß des Bauern den Boden düngte und sein Blick das Vieh mästete, übernehmen diese Aufgaben heute Sensoren und Roboter. Nicht selten verliert sich dabei der Bezug zwischen Bauern und Bauernhof. Das klassische und in der Generationskette erworbene Herrschaftswissen über seine Felder und Fluren wird, wenn es erst einmal digitalisiert ist, jedem, der auf die Daten Zugriff hat, zur Verfügung stehen. Ob Düngerstreuer oder Pfanzenschutzspritze, ob Bodenbearbeitung oder Erntetechnik – jeder Einsatz wird erfasst und optimiert; alle Daten stehen den Landwirten via Handy oder Tablet zur Verfügung. Das ist einerseits eine gewaltige Arbeitserleichterung; andererseits verändert diese Entwicklung die Landwirtschaft drastisch.

Wie rasant der Strukturwandel voranschreitet, können Sie in weiten Teilen Ostdeutschlands, aber auch schon in Niedersachsen und Holstein beobachten. Landwirtschaftsbetriebe mit über 1 000 Hektar sind längst keine Seltenheit mehr.Anhand der Entwicklung in meinem Wahlkreis östlich von Berlin lässt sich die Zukunft weiterer Regionen Deutschlands erahnen. Insofern plädiere ich für die Einrichtung eines Ministeriums für den ländlichen Raum,

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

bei dem die Landwirtschaft Teil des Ressorts wird.

Ein erweitertes Ministerium für den ländlichen Raum könnte zielgerichtet einen ganzheitlichen Ansatz gegen den Strukturwandel und für die Belange der 30 Millionen Menschen in unseren Dörfern und Gemeinden verfolgen. Bei gerade einmal 600 000 Beschäftigten in der Urproduktion stimmt das Verhältnis längst nicht mehr. Die Diversifizierung dieses Ministeriums würde die Landwirtschaft angesichts viel drängenderer Themen aus dem ständigen Sperrfeuer der Kritik befreien. Herausforderungen wie die Daseinsvorsorge, die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse und eben auch der Ausbau der digitalen Infrastruktur im ländlichen Raum betreffen nicht nur die Landwirtschaft.

Zurück zum Thema. Der vorliegende Antrag bietet eine gute Übersicht über die Chancen der Digitalisierung; meine Vorrednerin hat darüber gesprochen. Ein Großteil der Überlegungen, die hier vorgetragen werden, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aber bereits im Zukunftsprogramm Digitalpolitik Landwirtschaft formuliert und in sechs Handlungsfeldern zusammengefasst.

(Christian Dürr [FDP]: Man muss aber auch handeln!)

Vom Aufbau eines Kompetenzzentrums über die Bereitstellung von Geo- und Wetterdaten bis hin zum Ausbau der digitalen Infrastruktur sind hier alle wichtigen Punkte genannt, die auch die Antragstellerin aufgezählt hat.

Im Sinne der Landwirte möchte ich besonders betonen, dass jegliche Neuerung im digitalen Bereich technologieoffen und netzneutral gefördert werden muss. Nur so bleiben unsere Bauern unabhängig, und nur so können auch kleine und mittlere Agrarbetriebe am technologischen Fortschritt teilhaben.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist hier auf jeden Fall noch am Rande anzumerken. Er betrifft den Datenschutz. Schließlich muss bei allen Neuerungen der Landwirt selbst entscheiden dürfen, welche Betriebsdaten er freigibt bzw. welche er verwenden möchte.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Meine Damen und Herren, die Landwirtschaft steht vor gewaltigen Umwälzungen. Da darf die Politik nicht außen vor bleiben. Die Handlungsfelder bei der Digitalisierung der Landwirtschaft hat die Bundesregierung klar umrissen. Nun müssen wir das Bundesministerium bei der Umsetzung konstruktiv begleiten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Vizepräsidentin Claudia Roth:

Vielen Dank, Hans-Georg von der Marwitz. Danke, dass Sie auch von der Allgäuer Melkmethode gesprochen haben. Jetzt muss ich mich doch ein bisschen intensiver damit auseinandersetzen. Aus dem Unterallgäu kommend, habe ich schon wieder etwas dazugelernt. Herzlichen Dank.

aktualisiert von Axel Metzler, 26.01.2018, 11:47 Uhr

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